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Manfred Kubik
Das besondere Merkmal der gegenwärtigen Globalisierung
scheint es zu sein, dass die von allen Kontrollen entfesselten internationalen
Geldmärkte scheinbar keinerlei Grenzen kennen. Doch wenn sie auch Staatsgrenzen
niederreißen, finden die Finanzkapitale letztlich doch immer wieder eine
Grenze an der Entwicklung des Realkapitals. In den Krisen werden überschüssige
Kapazitäten, aufgeblähte Finanzmärkte und das fiktive Kapital immer wieder
entwertet. 1997/1998 entwickelte sich die erste globale Krise.
Boom in Südostasien
Das 21. Jahrhundert soll das pazifische werden. Die
sogenannten "Emerging Markets" in Südostasien, zu denen auch
Thailand gehört, legen im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts den Grundstein.
Ihre Wirtschaftswachstumsraten liegen weit über denen Europas und der
USA. Noch 1996 gilt die Region für internationale Kapitalanleger als erstklassige
Anlage und wird vom IWF, vom Internationalen Währungsfonds, als neuer
Entwicklungspool der Weltwirtschaft gefeiert. Im Vertrauen auf den immerwährenden
Exportboom fließt Kapital in einen forcierten Bauboom.
Thailand
Alles läuft bestens - auch in Thailand. Investoren
aus den USA, Europa und insbesondere den asiatischen Staaten freuen sich
über riesige Aufträge für Kraftwerke, Telefonnetze, U- und Eisenbahnen.
Die Banken bewilligen den thailändischen Unternehmen immer neue Kredite
und nehmen ihrerseits hohe Dollarkredite auf. Hotels werden gebaut, glitzernde
Einkaufspassagen, gläserne Bürotürme, Luxusappartements, Fabriken. Was
soll schon schief gehen? Schließlich betont die Regierung bei jeder Gelegenheit,
den fixen Wechselkurs zwischen dem Baht und dem Dollar aufrechtzuerhalten.
Das schafft Vertrauen in die Stabilität der einheimischen Währung und
bietet den ausländischen Anlegern mehr Sicherheit. Kapital aus der Landeswährung
kann jederzeit ohne Verlust wieder in Dollar zurückgetauscht werden.
Im Glauben an die Dauerhaftigkeit schnell wachsender
Profite war weit mehr Geld in die sogenannten "Tigerstaaten"
investiert worden, als deren schmale industrielle Basis, die fast ausschließlich
auf dem Export in die industriellen Metropolen der Welt basiert, in Produktionswachstum
umsetzen konnte. Exporte lassen sich schließlich nicht beliebig erweitern.
Die Differenz zwischen dem im Export erwirtschafteten und dem in die Region
strömenden Kapital war damit schon länger gewachsen. Negative Handels-,
Zahlungs- und Leistungsbilanzen, sprich: Überschuldung, war die Folge
- trotz des hohen Wirtschaftswachstums.
Kapitalflucht
Die Zweifel der internationalen Anleger an der Stabilität
der "überhitzten" thailändischen Wirtschaft wachsen. Sie bekommen
kräftig Nahrung am 2. Juli 1997: Die thailändische Regierung koppelt den
Baht vom US-Dollar ab. Die Maßnahme reagiert auf eine massive globale
Spekulation gegen den Baht. Der Tiger beginnt seine Krallen zu verlieren:
Kapitalflucht setzt ein, Thailand hat es schwer, neue ausländische Kredite
zu bekommen. Von einem Tag auf den anderen fällt der Kurs des Baht gegenüber
dem Dollar um 30 %. Wer bei ausländischen Banken geborgt hat, steht nun
weitaus tiefer in der Kreide als vorausgesehen. Thailändische Unternehmen,
die im Ausland Zubehör für ihre Produktion kaufen, zahlen jetzt nahezu
ein Drittel mehr als zuvor. Japanische Fernseher und US-Turnschuhe sind
teurer geworden. Ein traumatischer Prozess für den einstigen Globalisierungsgewinner,
nachdem schon die früheren Billiglohnindustrien zu den neuen Weltmarktkonkurrenten
wie Vietnam und China gezogen sind.
Immer deutlicher wird, wie schwierig die Lage ist.
Um den trudelnden Baht zu stütze, verschuldet sich die thailändische Zentralbank
um nahezu 25 Mrd. US-Dollar. Um die Zahlungsunfähigkeit Thailands zu erhalten,
legt der IWF das zweitgrößte Rettungspaket seiner Geschichte auf - sein
Volumen: 17 Mrd. US-Dollar. Die erste Rate von 1,6 Mrd. Dollar erhält
Bangkok noch im Juli 1997. Mehr Geld soll es geben, wenn die thailändische
Regierung wie versprochen ihre Ausgaben kürzt und Steuern erhöht.
IWF-Hilfe
Immer mehr thailändische Firmen müssen dichtmachen.
Sie können ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen. Das bringt auch die Gläubiger-Banken
in arge Nöte, die schließlich ihrerseits den internationalen Kreditgebern
ihre Zahlungsunfähigkeit erklären müssen. Am Morgen des 8. Dezember 1997
kündigt die Regierung von Thailand an, dass 56 der 58 großen Finanzhäuser
des Landes schließen werden. 20.000 Bankangestellte finden sich auf der
Straße wieder. Sweatshirts mit dem Aufdruck "Former Rich", "Ehemaliger
Reicher", sieht man jetzt auf den Straßen Bangkoks zuhauf.
Der thailändische Baht war nur das erste Opfer von
Spekulationen gegen die überbewerteten Währungen Südostasiens. Der Sturz
des Bath gibt den Startschuss für die Herde der globalen Anleger, die
in panischer Angst um ihre Renditen das Kapital aus so gut wie allen südostasiatischen
"Tigerstaaten" abzieht: aus Südkorea, Malaysia, Indonesien.
Neue Kredite werden verweigert, der IWF vereinbart mit den Regierung riesige
Hilfsprogramme, die Währungen fallen ins Bodenlose - ein Absturz, der
den wirtschaftlichen Ergebnissen der Länder keinesfalls entsprach und
ein soziales Trümmerfeld hinterließ. Der IWF schnürt ein Rekordpaket nach
dem anderen: für Indonesien
Sinkende Rohstoffnachfrage
Nach der Erfahrung der Asienkrise beginnen die internationalen
Anleger Länderrisiken neu zu bewerten. Im Ergebnis führt das zu einem
Kapitalabfluss aus ökonomisch weniger entwickelten Ländern in die westlichen
Zentren mit ihren als stabil angesehenen Währungen. Obendrein gerät mit
Südostasien der Motor ins Stottern, der lange Zeit das weltwirtschaftliche
Wachstum angetrieben hat - ein Motor, der gewaltige Mengen an Rohstoffen
verbrauchte: Gold, Kupfer, Aluminium, Rohöl. Mit der stark nachlassenden
Nachfrage geben deren Preise nach. Das eine wie das andere Kettenglied
verbindet die südostasiatische Krise mit Russland.
Rußland
Der Kapitalabfluss trifft Russland in einer ohnehin
äußerst schwierigen Situation. Das Land krankt vor allem an der mangelnden
Exportfähigkeit seiner Unternehmen. Was viele russische Unternehmen betreiben,
gilt als "negative Wertschöpfung", und jene Unternehmen, die
Exportfähiges verkaufen, zahlen kaum oder keine Steuern. Der Kreml leidet
unter chronischem Geldmangel und ist verschuldet. Weitaus schwächer als
zuvor sprudelt nun auch noch jene Quelle, auf die Moskau in dieser Situation
besonders angewiesen ist: auf die Erträge aus den Erdöl- und sonstigen
Rohstoffexporten.
Der Niedergang der russischen Wirtschaft setzt sich
Anfang 1998 fort. Schon Monate zahlt der Staat keine Löhne mehr. Die Bevölkerung
kehrt zum Tauschhandel zurück, weil zu wenig Geld in Umlauf ist. Damit
weiterhin ausländische Gelder ins Land fließen, setzt Moskau die Zinsen
auf seine Staatsanleihen herauf: von 20 auf 50 und schließlich auf abenteuerliche
70 %. Die Investmentwelt lässt sich teilweise locken. Sollte Russland
seine Zahlungsunfähigkeit erklären müssen, werde der IWF, so meint man,
schon in die Bresche springen - ungeachtet der Tatsache, dass im Januar
eine 670 Millionen Dollar-Rate des IWF erst einmal auf Eis gelegt wird:
wegen der "schlechten Haushaltsdisziplin" der russischen Regierung,
wie verlautbart wird.
Moskau fällt es zusehends schwer, die Zins- und Tilgungsraten
für ihre Schatzwechsel - die mittlerweile ein Dritte des gesamten Staatshaushaltes
ausmachen - aufzubringen. Mitte August 1998 ist es dann so weit: Russland
wertet trotz aller gegenteiligen Bekundungen in den Vormonaten den Rubel
ab und stellt einseitig seine Zins- und Rückzahlungen für Auslandsschuldenein.
Der IWF springt dem Land nicht zur Seite. Die Hedgefonds, Banken und Investmenthäuser,
die sich in Russland engagiert hatten, häufen gigantische Verluste auf.
Wie können die Hedgefonds und Investmenthäuser, die
in Russland die immensen Verluste verkraften müssen, an Geld kommen, mit
dem sie ihrerseits ihre Kreditgeber bezahlen können? - Sie verkaufen Aktien
und Anleihen in Ländern, die sich finanziell eigentlich als stabil erwiesen
haben. Wie Brasilien zum Beispiel.
Brasilien
Brasilien gehört ohne Zweifel zu den Ländern, die
in den Augen des globalen Marktes und des IWF wirtschaftspolitisch vieles
richtig gemacht hat. Aber in diesem Fall bietet dies keinen Schutz. Die
panisch nach Cash suchende Investmentwelt stößt ab, was sie in Brasilien
abstoßen kann. Und das passiert nicht nur hier, sondern rund um die Welt
in fast allen wirtschaftlich aufstrebenden Ländern, z.B. auch in Ägypten,
Polen oder Mexiko. Das abgezogene Geld sucht neue, sicherer Anlagemöglichkeiten
und findet sie in US-Schatzbriefen.
USA
Die plötzliche massenhafte Nachfrage nach US-Schatzbriefen
treibt deren Kurs nach oben - und damit vergrößert sich die Kluft zu Anleihen
von Unternehmen und Schwellenländern noch weiter. Eine Entwicklung, die
so ziemlich das genaue Gegenteil von dem darstellt, was z.B. einer der
größten Hedgefonds, LTCM (Long-Term Capital Management), prognostiziert
hatte und worauf dieser Fonds - ohne jegliche Vorahnung, dass der russische
Markt zusammenbrechen und zur Kapitalflucht in US-Schatzbriefe führen
würde - seine milliardenschweren "Wetten" setzte. Nur eine große
Rettungsaktion unter Leitung der US-Bundesbank hat den Bankrott und mit
ihm den Zusammenbruch großer Teile des US-Finanzsystems verhindert.
Auf der Grundlage von:
Friedmann, Thomas L.; Globalisierung verstehen. Zwischen Marktplatz und
Weltmarkt; Berlin 1999, S. 9-15 und
Stiftung Entwicklung und Frieden; Globale Trends 2000. Fakten, Analysen,
Prognosen; Hrsg. von Ingomar Hauchler, Dirk Messner, Franz Nuscheler;
Frankfurt/M. 1999, S.59, S. 238 ff.
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