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Dr. Johannes Bickel
Die Situation
Manchmal bringt die Globalisierung durchaus Vorteile für
die Umwelt mit sich. Weltweit können sich Umwelttechnologien
wie abgasärmere Autos oder erneuerbare Energien schneller
durchsetzen, und das Bewusstsein, dass die verbliebenen Urwälder
nicht auch noch folgenlos abgeholzt werden können, ist gewachsen.
Inzwischen sind viele internationale Umweltabkommen abgeschlossen
worden, darunter so erfolgreiche wie die Basler Konvention gegen
den Handel mit Giftmüll oder die London Dumping Convention gegen
das Einbringen gefährlicher Abfälle in die Meere. Und
schließlich ermöglichen die Kommunikationstechnologien
wie Internet und Email lokalen und internationalen NROs und Netzwerken,
Umweltskandale bekannt zu machen und Protest zu organisieren. Greenpeace,
Attac und andere Organisationen haben oft problematische Projekte
verhindert und damit zum Schutz von Mensch und Natur beigetragen
(so gen. „Globalisierung von unten“).
Die gegenwärtige, neoliberale
Globalisierung betrachtet die Umwelt jedoch fast nur als
kostenloses Rohstofflager und als Deponie. Dieses System
ist überall mit Umweltgefahren und Umweltschäden
verbunden.
Die wichtigsten davon sind: die Luft-, Boden- und Wasserverschmutzung
bzw. der Mangel an sauberem Trinkwasser, die wachsenden Abfallberge,
der Klimawandel, das Ozonloch in der oberen Atmosphäre,
die gentechnisch veränderten Lebensmittel, die Abnahme
der Ur- bzw. Tropenwälder, das Aussterben zahlloser
Tier- und Pflanzenarten, die Abnahme der Bodenfruchtbarkeit
und die ungelösten Fragen der Atomenergie. Der mit diesen
Problemen verbundene Produktions- und Konsumstil ist nicht
globalisierbar: würden alle Menschen auf der Welt den
gleichen Umweltverbrauch haben, so brauchten wir fünf
Erdkugeln. Deshalb kann die Globalisierung, d.h.
der Versuch der Industrieländer, ihr jetziges Wirtschaftssystem
beizubehalten und überall in der Welt durchzusetzen,
auf Dauer nicht gelingen.
Die Umweltprobleme sind lokaler, regionaler
oder globaler Natur. Nützlich ist auch die Unterscheidung
zwischen dem Ressourcenverbrauch (Rohstoffe inkl. Energie) und
dem Abfall- bzw. Schadstoffausstoß, d.h. dem Input und
dem Output von Unternehmen: während mehr Umsatz und mehr
Schadstoffausstoß eines Unternehmens die Umwelt belastet,
wird sie durch Reduzierung des Material- oder Energieverbrauchs
zunächst entlastet. Aber in allen Ländern der Welt
ist der erste Effekt, also die Umweltverschmutzung, weit größer
als der zweite, die „Effizienzrevolution“. Automotoren
sind heute effizienter als vor 20 Jahren, aber dieser Fortschritt
wurde durch den Zuwachs an Autos und gefahrenen Kilometern längst überkompensiert.
Sieht man sich die Umweltfolgen unseres Wirtschaftssystems im
Einzelnen an, so stellt man ferner fest, dass viele davon durch
unsere verkehrs- und energieintensive Wirtschaftsweise verursacht
werden: die Verschmutzung der Meere, der Klimawandel u.a. Außerdem
bemerkt man, dass viele Umweltprobleme beim Menschen zu Gesundheitsproblemen
führen - belastete Nahrungsmittel, Allergien, erhöhtes
Krebsrisiko, Trinkwassermangel in den so gen. Entwicklungsländern
u.v.m.
Besonders gravierend erscheint die
Klimakatastrophe, die uns nicht droht, sondern schon
längst im Gang ist, nicht nur in dem Film The Day after
Tomorrow. Vier Hurrikane in sechs Wochen – eine solche
Häufung wie 2004 hat es in den USA noch nie gegeben. Ähnlich
der Fall Japan: zehn Taifune in einem Jahr. Nach neueren Schätzungen
wird die durchschnittliche Temperatur auf der Erde zwischen 1990
und 2100 eher um 5,8o als um 1,4o ansteigen. Jede Woche erreichen
uns Nachrichten über das Abschmelzen des Polareises, den
ansteigenden Meeresspiegel und immer häufigere Unwetter,
die viele Menschenleben kosten und die Zahl der Umweltflüchtlinge
erhöhen. Dass durch den Beitritt Russlands nun das Kyoto-Protokoll
in Kraft tritt, kann nur ein Anfang sein. Die globalen Emissionen
sind weit von einem Verlaufspfad entfernt, der sie bis 2050 um
50 % reduzieren würde, was für eine Stabilisierung
der Atmosphäre mindestens notwendig ist.
Die Warnung des Club of Rome von
1972, dass das Wachstum bald an seine biophysikalischen Grenzen stoßen werde, ist nun dabei, zu bewahrheiten.
Dies zeigen insb. die vielen Konflikte um die Rohstoffgewinnung
(s. die Kriege um Erdöl) und der überhöhte
CO2-Ausstoß bzw. der Treibhauseffekt. Diese Krisen
treten entweder überraschend auf, wie Unfälle von Öltankern,
in Chemiefabriken oder Atomkraftwerken, oder sie sind schleichender
Natur und fallen deshalb weniger auf, wie das Artensterben
oder der Klimawandel. Der dauernde Wettlauf aller Länder
um ein hohes Wachstum, zumal es immer noch an dem überholten
Maßstab des BSP gemessen wird (s.u.), werden sich je
länger je mehr als Illusion entpuppen.
Die Umweltkrisen sind nicht gleichmäßig über
den Globus verteilt, sondern treten in den so gen. Entwicklungsländern
erheblich häufiger auf:
- weil die Folgen der Klimakatastrophe dort gravierender sind
als im Norden, wie neuere Computermodelle zeigen;1)
- durch die zielstrebige, ja rücksichtslose Ausbeutung
ihrer nicht erneuerbaren Ressourcen (Öl, Erze) inkl.
des ungebremsten Tropenholzexports;
- durch die in Entwicklungsländern stärkere industrielle
Umweltverschmutzung;
- durch die nicht nachhaltigen Produktions- und Konsummuster
der Industrieländer, die sich die Entwicklungsländer
natürlich zum Vorbild nehmen, und
- auch durch ihre Überschuldung, für die die Industrieländer
als Kreditgeber eine Mitverantwortung tragen und die zu noch
stärkerem Abbau und Export der Rohstoffe und der Anlage
von Monokulturen im Süden führt.2)
auch durch ihre Überschuldung, für die die Industrieländer
als Kreditgeber eine Mitverantwortung tragen und die zu noch stärkerem
Abbau und Export der Rohstoffe und der Anlage von Monokulturen im
Süden führt.
Der Rohstoffimport aus den Entwicklungsländern,
den multinationale Unternehmen durchführen, ist für
den Norden absolut unerlässlich. Hierbei kommt es aber immer
wieder zu einer Kumpanei zwischen den Konzernen, autoritären
Regierungen und den Militärs, die zu erheblichen Schäden
in der Natur und bei der einheimischen Bevölkerung führt.
Ein schlimmes Beispiel dafür ist Nigeria. So kooperierte
Shell eng mit der Diktatur in Nigeria, die mit ihrer Armee brutal
gegen die lokale Bevölkerung, ja das ganze Ogoni-Volk vorging,
um den Erdölexport zu sichern. Das Paradebeispiel für
die ungehemmte Ausbeutung seines Rohstoffreichtums ist jedoch
der Kongo. In 2002 ermittelte ein internationaler Expertenbericht,
dass 85 multinationale Unternehmen mit den einheimischen Eliten
rücksichtslos ihre Geschäfte verfolgen, zu denen regelmäßig
Diebstähle, die Fehlleitung öffentlicher Gelder, Schmuggel,
Steuerbetrug, Bestechung und die Verletzung von Menschenrechten
gehörten. Das ist die eine Seite der Medaille.
Die andere Seite besteht darin, dass sich die
Industrieländer zunehmend auf Dienstleistungen konzentrieren
und ihre „Schmutzindustrien“ wie z.B. metallverarbeitende
Betriebe in ärmere Länder verlagern (Umweltdumping!).
Durch derartige Industrien werden die Lebensbedingungen der Armen
in ihren Stadtvierteln oder Slums oft erheblich beeinträchtigt.
Ernst Ulrich von Weizsäcker, der deutsche Umweltexperte,
hat als einer der Ersten darauf verwiesen, dass die armen Länder
teilweise auch ihre Luft, ihren Boden und ihre Gewässer
an den Norden „verkaufen“: wenn Urwälder abgeholzt
werden, um Rinderfarmen für unseren hohen Fleischverbrauch
anzulegen, wenn Europäer Futtermittel aus den Tropen importieren,
für deren Anbau uns unsere Flächen zu schade sind (z.B.
Soja), oder wenn wir unseren Sondermüll in die Dritte Welt
verfrachten. Experten sprechen deshalb vom ökologischen
Rucksack oder dem ökologischen Fußabdruck,
den der westliche Ressourcenhunger bzw. Wirtschaftsstil überall
in der Welt hinterlässt.
Noch immer gilt, dass rd. ¾ aller Umweltschäden der
Welt durch weit weniger als 1/4 der Weltbevölkerung verursacht
werden. Die neoliberale Globalisierung führt nicht nur zu
Umwelt-, sondern auch zu Verteilungsproblemen. Sie verschärft
die ökonomische und soziale Kluft zwischen (und innerhalb)
den Ländern der Welt und führt dazu, dass die Benachteiligten
immer öfter mit Widerstand, Hass oder gar mit Gewalt reagieren.
Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit sind deshalb untrennbar
miteinander verbunden. Eine fairere Verteilung der Welt-Umweltressourcen
und -Umweltverschmutzung ist unerlässlich. Dies
würde zugleich zu mehr Sicherheit und mehr
Demokratie zwischen den Ländern der Welt
führen. Von Politikern und Medien des Nordens wird meist
nur mehr Demokratie in den so gen. Entwicklungsländern
gefordert. Wird diese einäugige Perspektive eingenommen,
um uns schmerzliche Verhaltensänderungen zu ersparen?
Die Hintergründe
Welches aber sind die Ursachen und die Akteure der
jetzigen Globalisierung? Die geschilderte Entwicklung wurde
ermöglicht durch den Siegeszug der neoliberalen Richtung
in den Wirtschaftwissenschaften seit den 80-er und 90-er
Jahren. Der Neoliberalismus wird wesentlich durch die Freihandelsdoktrin
bzw. die Forderungen nach Liberalisierung und Privatisierung charakterisiert.
Beides ist verbunden mit der Verlagerung von Entscheidungen
von der lokalen und nationalen Ebene auf die internationale
Ebene, d.h. auf internationale Konzerne einerseits und multinationale
Organisationen andererseits, nämlich die Welthandelsorganisation,
die Weltbank und den Internat. Währungsfonds (IWF).
Diese Verlagerung liegt im direkten Interesse der Konzerne
und der Industrieländer.
Die multinationalen Unternehmen (überwiegend
aus den USA, EU, Japan) sind die eigentlichen global players, die
treibenden Kräfte der Globalisierung. Die Umsätze zahlreicher
Multis sind höher als das Bruttosozialprodukt vieler Länder
der Welt. Die Transmissionsriemen ihrer Tätigkeit sind der
Außenhandel sowie private Kapitalflüsse, insb. ausländische
Direktinvestitionen. Im Gegensatz zu Regierungen brauchen Multis
nationale Grenzen kaum mehr zu beachten. Sie verlegen ihre Steuerbasis,
ihren Rohstoffbezug, ihre Produktion und ihre Beschäftigung
(!) dorthin, wo es am billigsten ist und sie die wenigsten Regeln
beachten müssen – oder sie drohen damit. Seit 1989
haben Konkurrenz und Konzentration auf allen Märkten erheblich
zugenommen. Dadurch ist es zum Wettbewerb aller Länder um
möglichst geringe Sozial- und Umweltvorschriften gekommen
(Sozial- und Umweltdumping). Natürlich gibt es einzelne
Unternehmen oder Wirtschaftsverbände wie z.B. den European
Business Council e5, die sich auch ökologische Ziele
setzen. Die meisten haben sich jedoch allein dem shareholder
value verschrieben, schon allein aufgrund der Allmacht der
Kapitalmärkte. Wesentliche Mittel zur Durchsetzung der Konzernziele
sind ihre milliardenschweren Werbebudgets und ihr Einfluss auf
die Medien.
Die Machtfülle der Welthandelsorganisation (WTO), die
1995 gegründet wurde, wird von vielen nach wie vor unterschätzt.
Liberalisierung und Privatisierung sind die Glaubensbekenntnisse
auch der WTO. Dies hat Folgen für die Umwelt:
- Das Verhältnis der WTO-Regeln zu den 1992 in Rio festgelegten
Umweltkernprinzipien und internationalen Umweltabkommen ist
bis heute ungeklärt. Auch nationale Umweltschutzbestimmungen
schränken den Handel häufig ein. In 26 von bisher
27 Konflikten zwischen Handels- und Umweltinteressen entschied
das Schiedsgericht der WTO jedoch gegen die Umwelt. Ein Paradebeispiel
dafür war das Einfuhrverbot der EU für hormonbehandeltes
Rindfleisch aus den USA und Kanada, für das sie mit
hohen Strafzöllen belegt wurde - obwohl Nordamerika
nicht nachweisen konnte, dass dieses Fleisch für die
menschliche Gesundheit unbedenklich ist.3) Die
WTO macht eben keinerlei Unterschied zwischen konventionellen
und sozial- und umweltverträglich hergestellten Produkten.
- Durch den Vertrag zur Liberalisierung von Dienstleistungen
(GATS)4) droht
die Privatisierung von Dienstleistungen, die nicht nur
sozial bedenklich ist, sondern auch nationale Maßnahmen
zum Umweltschutz erschwert. Dies gilt z.B. für den
Verkehr, den Tourismus, die Energie- und die Wasserversorgung.
So wird es kaum mehr möglich sein, in ökologisch
sensiblen Gebieten die Anzahl von Touristen oder den
Abbau von Rohstoffen zu beschränken.
Fragwürdig ist auch der Patentschutz aufgrund des TRIPS-Abkommens
der WTO.5) Ein
Beispiel ist der in Indien weit verbreitete Basmati-Reis.
Vor einigen Jahren hat der US-Konzern RiceTec ein Patent
für den geringfügig modifizierten Reis eintragen
lassen. Indien erhielt für die ursprüngliche Basmati-Probe
wie üblich kein Geld, aber der Konzern hat durch das
Patent viel Geld verdient. Der TRIPS-Vertrag zwingt Mitgliedsländer
dazu, auch Patente auf Pflanzen, Tiere, Menschen und ihre
Gene anzuerkennen. Da jedoch ein wirksamer internationaler
Vorteilsausgleich bei der Nutzung genetischer Ressourcen
fehlt, ermöglicht der Vertrag Biopiraterie zu Lasten
der armen Länder.
Der zentrale Pfeiler der WTO-Politik ist die Freihandelsdoktrin,
nach der alle, auch kleine Länder vom Freihandel profitieren
würden.6) Diese
Doktrin ist von der Wirklichkeit häufig widerlegt worden
und auch sehr problematisch, da sie dem ungehinderten Handel,
d.h. einem wirtschaftlichen Ziel, einen höheren Rang einräumt
als dem Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen und
der menschlichen Gesundheit! Solange es keine Kontrolle marktbeherrschender
Firmen in der Welt, d.h. keine internationale Wettbewerbspolitik,
gibt, ist das Freihandelsdogma de facto ein Instrument der Interessen-
bzw. Machtpolitik der Industrieländer und ihrer großen
Unternehmen. Unter ökologischen Aspekten ist die Liberalisierung
auch deshalb problematisch, weil sie zu einem überproportionalen
Zuwachs des Verkehrs zu Land, zu Wasser und in der Luft geführt
hat – mit allen Konsequenzen: dem wirtschaftlichen und
militärischen Kampf um Erdölfelder, der Aufheizung
der Atmosphäre, dem ständigen Ausbau der Verkehrsnetze
mit seinem großen Flächenbedarf, der Subventionierung
insb. des LKW- und des Flugverkehrs (keine Bezahlung ihres Umweltverbrauchs),
der Verschmutzung der Weltmeere durch regelmäßige
Tankerunfälle u.a. Da die WTO zudem entgegen ihren Statuten
in ihren Entscheidungen nicht demokratisch verfährt, ist
sie in den so gen. Entwicklungsländern und bei NROs auf
zunehmenden Widerstand gestoßen (vgl. das Scheitern der
Ministerratstagungen in Seattle und Cancun).
Die beiden anderen multinationalen Organisationen, die ebenfalls
Demokratiedefizite aufweisen, sind die Weltbank und der
IWF. Sie haben den Forderungen nach Liberalisierung
und Privatisierung wesentlich zum Durchbruch verholfen, da sie
sie in ihrer Kreditgewährung an arme Länder zur absoluten
Bedingung machten. Die Weltbank hat für ihre Projektfinanzierungen
bemerkenswerte Umweltrichtlinien erlassen, die sie in der Praxis
jedoch oft nicht einhält (s. etwa das Projekt der Ölpipeline
Tschad-Kamerun). Kürzlich hat sie neue Leitlinien für
ihre Energiepolitik beschlossen, nach denen sie weiterhin Öl-
und Kohleprojekte finanzieren will – obwohl ein von ihr
selbst bestellter hochrangiger Experte empfohlen hatte, einen
Kurswechsel zugunsten regenerativer Energien zu vollziehen.
Die im Zuge der Globalisierung schrittweise umgesetzte „Verschlankung
des Staates“ und die Machtverlagerung von der nationalen
Ebene auf multinationale Organisationen stellt keineswegs, wie
oft behauptet, ein Naturgesetz dar, sondern ist von den Regierungen
der Industrieländer bewusst in die Wege geleitet
worden. Sie sind es, die in der Uruguay-Runde die Machtfülle
der WTO abgesegnet haben, und sie haben das Sagen bei Weltbank
und IWF. Regierungen und Parlamente neigen mehr und mehr dazu,
die Forderungen von Unternehmen und Wirtschaftsverbänden,
d.h. nur der Kapitaleigner, zu erfüllen, anstatt, wie in
den Verfassungen von Demokratien vorgeschrieben, die Interessen
der Gesamtbevölkerung zu vertreten.7) In
Deutschland ist ihr Einknicken bei dem Gezerre um die LKW-Maut,
das Dosenpfand, den Emissionshandel und die Ausbildungsabgabe
bei den Bürgern in unguter Erinnerung geblieben.
Lösungsansätze
Bisherige Ansätze
Zu Lösung der genannten Probleme werden von Konzernen und
Wirtschaftsverbänden auch selber Vorschläge gemacht.
Sie betonen dann meist ihre unternehmerische Verantwortung (corporate
responsibility) und schlagen freiwillige Selbstverpflichtungen vor,
insb. um - für sie ungünstigere - Gesetze oder Verordnungen
zu verhindern. Dazu zählen auch freiwillige Verhaltenskodizes (Codes
of Conduct), die neben sozialen auch ökologische Standards
enthalten. Ein wichtiges Beispiel dafür sind die Verhaltenskodizes
der Erdöl- und Gasindustrie.
Das wichtigste herkömmliche Instrument sind natürlich internationale
Umweltschutzverträge. Hiervon sind inzwischen über
200 abgeschlossen worden, darunter das Washingtoner Artenschutzabkommen
(CITES, betr. bedrohte Arten), die Artenschutzkonvention
(Convention on Biological Diversity), die Konvention
zur Bekämpfung der Wüstenbildung, beide 1992 in
Rio geschlossen, und viele regionale Abkommen, etwa zum Schutz
des Rheins, des Mittelmeers u.a. Das Problem all dieser Verträge
liegt allerdings darin, dass sie von vielen Staaten nicht
ratifiziert wurden.
Aus dem UN-Bereich ist der von Kofi Annan 1999
veranlasste Global Compact zu nennen,
der Regeln zu Umweltschutz, Arbeits- und Menschenrechten enthält
und dem sich zahlreiche Konzerne angeschlossen haben. Noch enger
wurde die Zusammenarbeit der UN mit den Wirtschaftslobbyisten,
als bei dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung 2002
in Johannesburg die so gen. Typ 2-Partnerschaften präsentiert
wurden.
Das erhebliche Manko all dieser Selbstverpflichtungen bzw. Vereinbarungen
ist jedoch, dass ihre Einhaltung nicht von unabhängiger
Seite kontrolliert wird und bei Verletzungen keinerlei Sanktionen
greifen.
Etwas wirksamer scheinen die von der OECD in
2000 neu gefassten „Leitsätze für multinationale
Unternehmen“ zu sein. Jedem Unternehmen
steht frei, sich ihnen anzuschließen. Tut es das, drohen
bei Verstößen immerhin Sanktionen. Die Leitsätze
sehen nationale Kontaktstellen vor, bei denen man Beschwerden
einreichen kann, in Deutschland das Bundesministerium für
Wirtschaft und Arbeit. So wurden z.B. von NROs Einwände
gegen die von Multis geplante Ölpipeline vom Kaspischen
Meer eingereicht. Bisher blieben derartige Einsprüche aber
auch meist ohne Folgen.
Weiter gehende Ansätze oder:
Alternativen zur neoliberalen Globalisierung
Aufgrund der bedrohlichen Situation unseres Planeten sind wirksamere
Maßnahmen notwendig. Auch wenn diese der Wirtschaft teilweise
zusätzliche Kosten auferlegen, würden sie wirtschaftliches
Handeln mittel- und langfristig überhaupt erst sichern,
da nur dann größere Konflikte und Crashs vermieden
werden. Motto: Ökologie ist Langfrist-Ökonomie!
Unabdingbar wäre, dass national und international die vier
Kernprinzipien, die seit Rio 1992 die
Grundlage einer nachhaltigen Politik bilden, anerkannt werden:
- Haftung und Entschädigung bei auftretenden Umweltschäden
(Grundsatz 13 der Erklärung von Rio);
- das Vorsorgeprinzip (Grundsatz 15); hierzu würde auch
die notwendige Umkehr der Beweislast etwa bei Mobilfunkantennen
gehören;
- die Internalisierung von Umweltkosten (Grundsatz 16), z.B.
durch wirksame Ökosteuern, sowie
- die Durchführung von Umweltverträglichkeitsprüfungen
bei Projekten (Grundsatz 17).
Viele NROs fordern, dass internationale
Konzerne ökologische und soziale Mindeststandards
beachten, d.h. nicht nur über eine Corporate
Responsibility reden, sondern im Rahmen einer internationalen
Konvention zu einer Corporate Accountability verpflichtet
werden.8) Globale
Probleme erfordern globale Lösungen! Die Kernelemente
einer solchen Konvention wären:
- Berichtspflicht der Unternehmen über alle ökologischen
und sozialen Folgen ihres Handelns (Offenlegung von Umweltdaten);
- Anerkennung des Verursacherprinzips (z.B. bei gentechnisch
veränderten Produkten) inkl. der Haftung von Unternehmensleitungen;
- Konsultationspflicht mit Betroffenen und – bei auftretenden
Nachteilen – ihre gerechte Entschädigung;
- ein Klagerecht Betroffener vor Gerichten;
- das verbriefte Recht lokaler Gemeinschaften und Völker
auf die Ressourcen, die sie für ihr (meist sehr einfaches)
Leben brauchen;
- die Anerkennung internationaler Umweltabkommen und der Kernarbeitsnormen
der Internat. Arbeitsorganisation (ILO) sowie
- ein klares Strafmaß bei Verstößen gegen
die neue Konvention.
Die Idee einer solchen UN-Konvention stieß beim Weltgipfel
für nachhaltige Entwicklung 2002 in Johannesburg durchaus
auf Zustimmung.
Zentral ist ferner die Lösung des Konflikts zwischen Handelsrecht
und Umweltrecht, d.h. praktisch eine grundlegende Reform
der WTO entlang der o.g. Kritikpunkte. Freihandel ist
gut - wenn er nicht nur auf das Recht des Stärkeren
(Landes oder Unternehmens) hinausläuft und wenn ihm
kein höherer Rang eingeräumt wird als dem Schutz unserer
natürlichen Lebensgrundlagen bzw. der menschlichen Gesundheit.
Schließlich ist die Gleichberechtigung der so gen. Entwicklungsländer
mit den Industrieländern zu fordern, d.h. die Durchsetzung
der Demokratie auch zwischen den Ländern.
Arme Länder sind in der Vergangenheit vom Norden bei wichtigen
Verhandlungen häufig ausgeschlossen oder erpresst worden,
z.B. bei der Vorbereitung des WTO-Vertrages. Es ist auch nicht
fair, sie zur Abholzung ihrer verbliebenen Urwälder und
zur Ausbeutung ihrer letzten Bodenschätze für den Schuldendienst
zu zwingen. Die Bewahrung der Schöpfung ohne weltweite Gerechtigkeit
ist auf Dauer nicht möglich. Als reichtumsverwöhnte
Enklaven in einer Welt massenhaften Elends können die Industrieländer
auf Dauer nicht auf Stabilität und Sicherheit hoffen.
Mit der verbindlichen Umsetzung der genannten Prinzipien in internationalen
Verträgen wäre auch der Schutz der globalen
Gemeinschaftsgüter zu regeln (Boden, Wasser, Luft,
Klima, Wälder, Meere und die biologische Vielfalt). Dasselbe
gilt für Nutzungsentgelte auf genetische Ressourcen aus
Entwicklungsländern. Schließlich müssen die bei
den UN angesiedelten Umweltinstitutionen, insb. das UNEP,
aufgewertet und finanziell besser ausgestattet werden.
All diese Forderungen sind keineswegs besonders einseitig oder
radikal. Im Grunde sind sie nur Ausfluss der in der europäischen
Geschichte mühsam erworbenen Grundwerte von Rechtsstaatlichkeit,
die keinen Vorrang wirtschaftlicher vor sozialen und ökologischen
Werten kennen.
Reformen, die die Zukunftsfähigkeit der Weltwirtschaft sichern,
würden - u.a. im Blick auf den Treibhauseffekt - vor allem eine
Energie- und eine Verkehrswende, aber auch grundlegende Änderungen
in der Landwirtschaft, der chemischen Industrie u.a. Sektoren
beinhalten. Ein Beispiel dafür ist unsere Glorifizierung
der Geschwindigkeit und die steigende Zahl ständig stärkerer
Autos. Die durchschnittliche Motorleistung in deutschen Autos
stieg schon von 1960-93 von 34 auf 85 PS. Dies führte jedoch
kaum zu mehr Wohlstand, sondern vornehmlich zu einem Anwachsen
der Verkehrsstaus. Die heutigen Tempowagen auf die Straße
zu schicken ist ebenso rational, wie Butter mit der Kreissäge
zu schneiden (W. Sachs). Ein Innovationsschub etwa zugunsten
von Hybrid- und Erdgasautos wäre wünschenswert. Dasselbe
gilt für die Förderung regenerativer Energien bzw.
die Verringerung unserer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen,
insb. vom Erdöl. Dies soll genügen zur Andeutung, dass
sich schon in den nächsten 10-30 Jahren eine fundamentale Änderung
der Produktions- und Konsummuster, ja unseres Lebensstils
ergeben muss und wird – und zwar des Lebensstils im
Norden. Fortschritt muss bei erheblich geringerem Materialverbrauch,
geringeren Verkehrsleistungen und durch vermehrte Arbeits-, z.B.
Serviceleistungen erbracht werden. Es gibt doch zu denken, dass
bisher über 80% der Materialien, die zur Güterherstellung
verwendet werden, zu Abfall werden, noch bevor das Produkt fertig
ist – Abraum in Bergwerken, weggeworfene Biomasse, Resthitze
aus Kraftwerken u.a.m.
Der überfällige Strukturwandel wird auch zu einem anderen
Wohlstandsindikator als dem BSP führen müssen.
Das BSP taugt dafür schon lange nicht mehr: es steigt
durch Verkehrsunfälle und auch, wenn nicht erneuerbare
Rohstoffe abgebaut und dabei unwiederbringliche Naturschätze
vernichtet werden. Bei seiner Ermittlung müssten Gesundheits-
und Umweltschäden abgezogen werden. Alternative Wohlstandsindikatoren
werden von Wissenschaftlern und Statistischen Ämtern
seit langem diskutiert, aber noch kaum in die Tat umgesetzt.
Ein veränderter Wohlstandsindikator wäre zugleich
Ausdruck einer neuen Wirtschaftswissenschaft,
die soziale, ökologische und kulturelle Aspekte aus
ihrer Betrachtung nicht mehr weitgehend ausblendet. Wichtige
Vorarbeiten hierzu wurden von Prof. Herman Daly/USA und – in
konkreter Anwendung – durch die Studie Zukunftsfähiges
Deutschland vom BUND und Misereor in 1996 geleistet.
Die Ökonomie ist eben nur ein Subsystem der natürlichen
Welt!
Natürlich stellt sich die Frage, wer derlei fundamentale
Reformen anstoßen und durchsetzen könnte. Nationale
Regierungen allein scheinen dazu kaum in der Lage, da sie sich
von Wirtschaftslobbyisten mit ihrer Drohung auf Produktionsverlagerungen
immer öfter erpressen lassen. Der logische Ausweg wäre
vielmehr die internationale Koordinierung
der nationalen Politiken, auch als global
governance bezeichnet. Auf den Umweltschutz bezogen,
würde dies die Vereinbarung von Mindeststandards
zur Vermeidung von Umwelt-Dumping zwischen möglichst vielen
bzw. wirtschaftlich einflussreichen Ländern bedeuten.9) Ansätze
dafür gibt es bereits in der Politik in der EU – wenn
sie auch noch zu zögerlich sind.
Umso wichtiger ist es, dass Regierungen und die EU zum Handeln
gedrängt werden. Dies geschieht erfreulicherweise immer
häufiger - durch NROs, Basisgruppen und Bürgerinitiativen,
die sich nicht für eigene Interessen engagieren, sondern
gemeinnützig sind (in doppeltem Sinn). In Deutschland sind
hier etwa der BUND, Greenpeace, Attac und viele lokale Initiativen
z.B. gegen Mobilfunkanlagen oder Atomkraftwerke zu nennen. In
wissenschaftlicher Hinsicht werden sie insb. durch das Wuppertal-Institut
für Klima, Umwelt und Energie sowie WEED10) unterstützt.
Internationale Beispiele sind der Bürgerprotest gegen die
Narmada-Staudämme in Indien (und die Umsiedlung von Millionen
Menschen!), die Landarbeiterbewegung in Brasilien oder die internat.
Vereinigung der indigenen Völker. Viele Bürgerinitiativen
und NROs engagieren sich gegen die Ökonomisierung aller
Lebensbereiche und für eine Globalisierung der Solidarität mit
den Benachteiligten und mit der Natur. Sie organisieren auf Produkte
bzw. Konzerne bezogene Kampagnen oder für die Einführung
von Öko- u.a. Siegeln (etwa das FSC-Siegel für nachhaltige
Waldwirtschaft). Einen großen Erfolg verbuchte Greenpeace,
als es 1995 die Versenkung der Ölplattform Brent Spar in
der Nordsee verhindern konnte.
Die Aussichten für einen tief greifenden Strukturwandel sind
nicht so schlecht, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.
Die Empfehlungen der Umweltorganisationen sind bisher fast alle
umgesetzt worden – nur oft Jahre oder gar Jahrzehnte später:
der Katalysator, die Schwefelfilter in den Fabrikschornsteinen,
die Niedrig- bzw. Null-Energiehäuser, die Nutzung der Solarenergie,
die - in Deutschland noch recht unvollkommene - Ökosteuer
u.v.m. Die Krisen infolge der neoliberalen Globalisierung und
die immer häufigeren Naturkatastrophen haben das Empfinden
für die Notwendigkeit eines grundlegenden Wandels jedoch
wachsen lassen.
J. Bickel 12-04
Quellen
- M. Engelhardt/M. Steigenberger, Umwelt: verhandelt und verkauft? AttacBasis-Text, 2003;
- Wolfgang Sachs, Nach uns die Zukunft, Der globale Konflikt um Gerechtigkeit und Ökologie,2003;
- Ernst U. v. Weizsäcker, Erdpolitik, 1997;
- www.attac.de/oekologie;
- www.greenpeace.de;
- www.bund.net
Fußnoten
1)
Die Schweizer Rückversicherung ermittelte schon für
1999, dass ca. 2/3 aller Katastrophen und ca. 90% aller
menschlichen Opfer auf die Entwicklungsländer entfielen – aber
sie erhielten nur 20% aller Schadenersatzzahlungen der
Versicherungen.
2)
Damit einher geht eine überzogene Exportorientierung -
statt dass der Binnenmarktorientierung und Ernährung
der eigenen Bevölkerung Priorität eingeräumt
wird.
3)
In der WTO gilt noch immer die umgekehrte
Beweislast: die EU sollte nachweisen, dass das hormonbehandelte
Rindfleisch gesundheitsschädlich ist!
4)
GATS = General Agreement on Trade in Services
5)
TRIPS = Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights
6)
Dieses Prinzip wird jedoch von der EU und den USA selbst
in der Wirklichkeit missachtet: s. ihren Agrarprotektionismus!
7)
Dies ist kaum verwunderlich: beim Bundestag waren 2003 1.780 Lobbyverbände
offiziell registriert (s. „Die fünfte Gewalt“,
in: DIE ZEIT vom 30.10.2003, S. 5)!
8)
Vgl. die Normen für mulinationale Unternehmen, die die UN-Unterkommission
zur Förderung und zum Schutz der Menschenrechte 2003 vorgelegt
hat und zu denen auch solche zum Schutz der Umwelt gehören.
9)
Dasselbe gilt für Mindeststandards in der Sozialpolitik, die Koordinierung
der Steuerpolitik, der Wettbewerbspolitik oder die Kontrolle des
internationalen Kapitalverkehrs.
10)
Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung (WEED) eV., Berlin
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